Unverhoffte Spenden: Was drei Straßenzeitungen damit bewirken

Ein finanzielles Polster, ein Kochbuch und eine neue Vertriebsstelle: Drei österreichische Straßenzeitungen erhielten Geld aus Marlene Engelhorns Initiative „Guter Rat für Rückverteilung“. Zwei Jahre später zeigt sich, dass die Spenden nicht nur Projekte ermöglicht, sondern vor allem die Organisationen gestärkt haben.
Von Karin Sommer
25. Juli 2026
Lesedauer: 3 Minuten
frei lesbar für alle
Das Team der Salzburger Straßenzeitung „Apropos“ brachte im Herbst 2025 ein Kochbuch mit Rezepten der Betroffenen heraus.

Das Team der Salzburger Straßenzeitung „Apropos“ brachte im Herbst 2025 ein Kochbuch mit Rezepten der Betroffenen heraus.

Drei österreichische Straßenzeitungen erhielten vom „Guten Rat für Rückverteilung“ Geld der Marlene Engelhorn. Wir haben nachgefragt, was die außergewöhnlichen Spenden inzwischen bewirkt haben.

Als Marlene Engelhorn 2024 mit der Initiative „Guter Rat für Rückverteilung“ neue Wege des Gebens einschlug, war daran vieles ungewöhnlich: die hohe Summe, die demokratische Vergabe durch einen Bürgerrat und der bewusste Verzicht auf Kontrollinstanzen. Zwei Jahre später zeigt sich, was daraus wachsen konnte. Beispielhaft für das Projekt stehen drei österreichische Straßenzeitungen.

Straßenzeitungen schaffen Einkommen und Teilhabe

Nur wenige Menschen wissen, dass hinter solchen Zeitungen wichtige soziale Unter­nehmen stehen, die von Armut oder Obdach­losigkeit betroffene Menschen unterstützen. Die Hälfte des Verkaufserlöses bleibt als Ein­kommen bei den Verkäuferinnen und Ver­käufern, die oft selbst an der Zeitung mitarbeiten. Das gibt ihnen Tagesstruktur und ermöglicht soziale Teilhabe. Finanziert werden Straßenzeitungen durch eine Mischung aus Verkaufserlösen, Fördermitteln, Inseraten, Spenden und Kooperationen.

„Kupfermuckn“ (Linz): Sicherheit in unsicheren Zeiten

Das Team der Linzer Straßenzeitung „Kupfermuckn“ erzählt, dass die Nachricht über die Spende erst ganz unscheinbar als E-Mail mit der Bitte um Rückruf ankam. Erst im Telefonat wurde klar, dass sie tatsächlich zu den Begünstigten zählen – da war die Freude natürlich groß. „Unser übergeordnetes Ziel ist es, dass Obdachlosigkeit und Armut in unserer Gesellschaft nicht mehr existent sind“, beschreiben sie ihre Vision – ein ambitioniertes Ziel, das zu erreichen durch den größer werdenden Spardruck im Sozialbereich immer schwieriger wird.

Die Großspende wirkt hier wie ein Auffangnetz: „Sie gibt uns eine gewisse Sicherheit, weil wir wissen, dass wir im Bedarfsfall ein kleines finanzielles Polster zur Verfügung haben.“ Diese Wirkung ist nicht spektakulär sichtbar, dafür umso wichtiger für die Resilienz und Beständigkeit von „Kupfermuckn“.

Ein Teil der Mittel floss außerdem in eine österreichweite Kampagne aller Straßen­zei­tungen unter dem Motto „Nimm die Zei­tung mit“, die den Fortbestand dieser wichtigen Einrichtungen sichern soll. Auch ganz konkrete Hilfe wurde ermöglicht, etwa die Unterstützung eines unversicherten Klienten bei seiner medizinischen Ver­sor­gung.

„Apropos“ (Salzburg): Mehr Spielraum für Ideen und Sichtbarkeit

Die Salzburger Straßenzeitung Apropos verfolgt ein klares Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe und die Sichtbarmachung von Menschen hinter der Armut. „Auf persönlicher Ebene ist es uns ein Anliegen, dass wir unsere Verkäuferinnen und Verkäufer bei ihren individuellen Herausforderungen unterstützen, soweit es unsere Ressourcen zulassen“, sagt die Chefredakteurin Michaela Gründler. „Auf gesellschaftlicher Ebene möchten wir ein Bewusstsein für die Anliegen von Menschen am Rande der Gesellschaft schaffen.“

Die Nachricht über die Förderung löste große Freude aus – und mehr als das: „Zum einen bedeutet die Spende eine wichtige finanzielle Unterstützung für Projekte, die wir schon lange realisieren wollten. Zum anderen war es vor allem eine große Wert­schätzung für unsere Arbeit.“

Projekte kommen durch das Geld schneller in die Umsetzung, neue Ideen können leich­ter ausprobiert werden. Ein Beispiel dafür ist das im November 2025 erschienene Kochbuch mit Rezepten der Betroffenen. „Durch die Spende war die professionelle Um­setzung ohne zusätzliches Personal und Ein­bußen im Tagesgeschäft realisierbar.“
Die Planungen für das 30-jährige Jubiläum im Jahr 2027 laufen bereits – mit einer finanziellen Grundlage, die neue Möglichkeiten eröffnet.

„20er“ (Tirol): Kleine Struktur, große Wirkung

Die Tiroler Straßenzeitung „20er“ verbindet sozialen Auftrag mit journalistischem Anspruch. Sie bietet armutsbetroffenen Menschen eine Alternative zum Betteln und gleichzeitig eine Plattform für fundierte, kritische Berichterstattung. „Unsere Mission ist, Menschen in Notlagen eine würdige Arbeit zu bieten und zur Medienvielfalt beizutragen“, sagt Eva Schwienbacher vom „20er“-Team.

Die Nachricht über die Förderung kam hier per Telefon – und wurde zunächst fast für einen Irrtum gehalten. Erst mit der schriftlichen Bestätigung wich der Zweifel echter Freude: „Das löste großen Jubel aus sowie Erleichterung, zumal unsere finanzielle Situation doch etwas angespannt war.“

Auch beim „20er“ zeigt sich die Wirkung der Spende vor allem in der strukturellen Stärkung. In einem kleinen Team mit nur fünf Teilzeitmitarbeitenden bedeutet zusätzliche finanzielle Sicherheit vor allem eins: Handlungsspielraum. So konnten ein finanzielles Polster aufgebaut und eine zweite Vertriebsstelle geschaffen werden.

Wirkung zeigt sich auch in neuer Sicherheit

Zwei Jahre nach dem „Guten Rat“ zeigt sich ein vielschichtiges Bild von Wirkung bei den drei Straßenzeitungen. Natürlich sind konkrete Projekte entstanden: Kampagnen, Bücher, neue Vertriebsstrukturen. Doch fast noch bedeutsamer ist das, was sich schwerer messen lässt: Resilienz.

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Fotocredit(s)

  • Apropos-Team: Siegrid Cain, Apropos

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