Drei österreichische Straßenzeitungen erhielten vom „Guten Rat für Rückverteilung“ Geld der Marlene Engelhorn. Wir haben nachgefragt, was die außergewöhnlichen Spenden inzwischen bewirkt haben.
Als Marlene Engelhorn 2024 mit der Initiative „Guter Rat für Rückverteilung“ neue Wege des Gebens einschlug, war daran vieles ungewöhnlich: die hohe Summe, die demokratische Vergabe durch einen Bürgerrat und der bewusste Verzicht auf Kontrollinstanzen. Zwei Jahre später zeigt sich, was daraus wachsen konnte. Beispielhaft für das Projekt stehen drei österreichische Straßenzeitungen.
Straßenzeitungen schaffen Einkommen und Teilhabe
Nur wenige Menschen wissen, dass hinter solchen Zeitungen wichtige soziale Unternehmen stehen, die von Armut oder Obdachlosigkeit betroffene Menschen unterstützen. Die Hälfte des Verkaufserlöses bleibt als Einkommen bei den Verkäuferinnen und Verkäufern, die oft selbst an der Zeitung mitarbeiten. Das gibt ihnen Tagesstruktur und ermöglicht soziale Teilhabe. Finanziert werden Straßenzeitungen durch eine Mischung aus Verkaufserlösen, Fördermitteln, Inseraten, Spenden und Kooperationen.
„Kupfermuckn“ (Linz): Sicherheit in unsicheren Zeiten
Das Team der Linzer Straßenzeitung „Kupfermuckn“ erzählt, dass die Nachricht über die Spende erst ganz unscheinbar als E-Mail mit der Bitte um Rückruf ankam. Erst im Telefonat wurde klar, dass sie tatsächlich zu den Begünstigten zählen – da war die Freude natürlich groß. „Unser übergeordnetes Ziel ist es, dass Obdachlosigkeit und Armut in unserer Gesellschaft nicht mehr existent sind“, beschreiben sie ihre Vision – ein ambitioniertes Ziel, das zu erreichen durch den größer werdenden Spardruck im Sozialbereich immer schwieriger wird.
Die Großspende wirkt hier wie ein Auffangnetz: „Sie gibt uns eine gewisse Sicherheit, weil wir wissen, dass wir im Bedarfsfall ein kleines finanzielles Polster zur Verfügung haben.“ Diese Wirkung ist nicht spektakulär sichtbar, dafür umso wichtiger für die Resilienz und Beständigkeit von „Kupfermuckn“.
Ein Teil der Mittel floss außerdem in eine österreichweite Kampagne aller Straßenzeitungen unter dem Motto „Nimm die Zeitung mit“, die den Fortbestand dieser wichtigen Einrichtungen sichern soll. Auch ganz konkrete Hilfe wurde ermöglicht, etwa die Unterstützung eines unversicherten Klienten bei seiner medizinischen Versorgung.
„Apropos“ (Salzburg): Mehr Spielraum für Ideen und Sichtbarkeit
Die Salzburger Straßenzeitung Apropos verfolgt ein klares Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe und die Sichtbarmachung von Menschen hinter der Armut. „Auf persönlicher Ebene ist es uns ein Anliegen, dass wir unsere Verkäuferinnen und Verkäufer bei ihren individuellen Herausforderungen unterstützen, soweit es unsere Ressourcen zulassen“, sagt die Chefredakteurin Michaela Gründler. „Auf gesellschaftlicher Ebene möchten wir ein Bewusstsein für die Anliegen von Menschen am Rande der Gesellschaft schaffen.“
Die Nachricht über die Förderung löste große Freude aus – und mehr als das: „Zum einen bedeutet die Spende eine wichtige finanzielle Unterstützung für Projekte, die wir schon lange realisieren wollten. Zum anderen war es vor allem eine große Wertschätzung für unsere Arbeit.“
Projekte kommen durch das Geld schneller in die Umsetzung, neue Ideen können leichter ausprobiert werden. Ein Beispiel dafür ist das im November 2025 erschienene Kochbuch mit Rezepten der Betroffenen. „Durch die Spende war die professionelle Umsetzung ohne zusätzliches Personal und Einbußen im Tagesgeschäft realisierbar.“
Die Planungen für das 30-jährige Jubiläum im Jahr 2027 laufen bereits – mit einer finanziellen Grundlage, die neue Möglichkeiten eröffnet.
„20er“ (Tirol): Kleine Struktur, große Wirkung
Die Tiroler Straßenzeitung „20er“ verbindet sozialen Auftrag mit journalistischem Anspruch. Sie bietet armutsbetroffenen Menschen eine Alternative zum Betteln und gleichzeitig eine Plattform für fundierte, kritische Berichterstattung. „Unsere Mission ist, Menschen in Notlagen eine würdige Arbeit zu bieten und zur Medienvielfalt beizutragen“, sagt Eva Schwienbacher vom „20er“-Team.
Die Nachricht über die Förderung kam hier per Telefon – und wurde zunächst fast für einen Irrtum gehalten. Erst mit der schriftlichen Bestätigung wich der Zweifel echter Freude: „Das löste großen Jubel aus sowie Erleichterung, zumal unsere finanzielle Situation doch etwas angespannt war.“
Auch beim „20er“ zeigt sich die Wirkung der Spende vor allem in der strukturellen Stärkung. In einem kleinen Team mit nur fünf Teilzeitmitarbeitenden bedeutet zusätzliche finanzielle Sicherheit vor allem eins: Handlungsspielraum. So konnten ein finanzielles Polster aufgebaut und eine zweite Vertriebsstelle geschaffen werden.
Wirkung zeigt sich auch in neuer Sicherheit
Zwei Jahre nach dem „Guten Rat“ zeigt sich ein vielschichtiges Bild von Wirkung bei den drei Straßenzeitungen. Natürlich sind konkrete Projekte entstanden: Kampagnen, Bücher, neue Vertriebsstrukturen. Doch fast noch bedeutsamer ist das, was sich schwerer messen lässt: Resilienz.