Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die von den Verbrechen des Nationalsozialismus berichten können. Umso mehr Bedeutung bekommen jene historischen Orte, die auch heute noch als Mahnmal gegen das Vergessen stehen. Zwar ist die Zeit zwischen 1933 und 1945 fester Bestandteil des Lehrplans an deutschen Schulen, doch während des Unterrichts im Klassenzimmer wird Geschichte nicht annähernd so greifbar wie beim Besuch einer Gedenkstätte.
Das können auch die beiden Stifter Erich und Roswitha Bethe bestätigen: „Wir haben selbst bis zum Abitur in unserem Geschichtsunterricht wenig beziehungsweise gar nichts vom Holocaust erfahren, aber als wir alle Mordstätten selbst besucht haben, haben wir erkannt, dass kein Schulunterricht, keine Zeitung, kein Fernsehfilm, kein Kinofilm eine wirkliche Begegnung mit den Folgen einer menschenverachtenden Ideologie vermitteln kann.“
Mehr als 40.000 junge Menschen erreicht
Seit 2010 fördert und organisiert die Bethe-Stiftung Gedenkstättenfahrten für Jugendliche, Schülerinnen und Schüler. Mit zwölf Bundesländern hat die Stiftung Verträge abgeschlossen, sodass bereits mehr als 40 000 junge Menschen die Tötungslager in Auschwitz, Belzec, Treblinka, Sobibor und Majdanek besichtigen konnten. „Wir hoffen dazu beizutragen, dass sich solche Verbrechen auch nicht ansatzweise wiederholen“, erklärt das Ehepaar Bethe die Motivation, warum es die Unterstützung der Gedenkstättenfahrten zum Hauptförderschwerpunkt seiner Stiftung gemacht hat, die sich für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen für die heutige Zeit beschäftigt. Darüber hinaus setzt sie sich auch für Kinderschutz und Kinderhospizarbeit sowie Obdachlosenhilfe ein.
Engagement in der historisch-politischen Bildung
Zum inhaltlichen Fokus passt auch das Programm „Jugend erinnert“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das damit sein Engagement in der historisch-politischen Bildung weiter ausbaut und das die Bethe-Stiftung seit Januar 2026 fördert. Das Programm richtet sich an Menschen zwischen 14 und 26 Jahren und hat bereits rund 200 Fahrten für mehr als 6000 Jugendliche ermöglicht. Das jährliche Fördervolumen von 1,75 Millionen Euro wird durch die Bethe-Stiftung nun verdoppelt. Zusätzlich erhalten die Jugendgruppen, die eine Gedenkstätte besucht haben, von der Stiftung eine Prämie von 300 Euro, die sie für ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einsetzen können. Ziel der Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium und der Bethe-Stiftung ist es, weitere Gedenkstättenfahrten anzubieten und noch mehr junge Menschen damit zu erreichen. Die Kooperation ist deshalb auf Langfristigkeit angelegt; perspektivisch soll sich die Zahl der Fahrten verdoppeln.
Geschichte anhand persönlicher Schicksale verstehen
Die Theilnahme ist freiwillig und soll schulische Angebote ergänzen. Organisiert wird sie von außerschulischen Trägern. Die erste Fahrt im Rahmen der neuen Kooperation zwischen „Jugend erinnert“ und der Bethe-Stiftung fand im März statt. Dabei besuchte eine Gruppe der Integrierten Gesamtschule (IGS) aus Gera die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Die Jugendlichen beschäftigten sich mit dem Schicksal verschiedener Familien, die dort ermordet wurden, und gingen gleichzeitig anhand von Biografien des KZ-Personals der Frage nach, wie Menschen zu Tätern werden.
Austausch mit anderen Jugendlichen
Anschließend trafen sie sich dann mit Mitgliedern der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) Berlin und dem Bund Deutscher Katholischer Jugend (BDKJ), die im September letzten Jahres schon zum dritten Mal in Auschwitz-Birkenau waren. Bei der Veranstaltung im Bildungsministerium tauschten sich die beiden Gruppen mit dem Ehepaar Bethe und mit Bildungsministerin Karin Prien über ihre Eindrücke und Erfahrungen aus und stellten die Ergebnisse ihrer Recherchen mithilfe von Plakaten vor, die sie selbst entwickelt und gestaltet hatten. Die Ministerin sei hinterher sehr beeindruckt davon gewesen, wie reflektiert die jungen Menschen vom Besuch der Gedenkstätte berichtet haben, sagt eine Sprecherin des Ministeriums: „Der Austausch mit den Jugendgruppen hat einmal mehr gezeigt, wie prägend eine Gedenkstättenfahrt für junge Menschen sein kann.
Die unmittelbare Begegnung mit historischen Orten, wie zum Beispiel der Gedenkstätte in Auschwitz, ermöglicht den jungen Menschen ein besonders tiefes Verständnis für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Viele Jugendliche nehmen starke Eindrücke mit und entwickeln ein geschärftes Bewusstsein für die Bedeutung von Demokratie und gesellschaftlicher Verantwortung.“ Erfahrungen, die kein Schulbuch und keine Film-Doku so authentisch und eindrücklich widerspiegeln können.