Wenn ein lange als verschollen geglaubtes Kunstwerk wieder auftaucht, schlägt wohl das Herz eines jeden Menschen höher, der sich für Kunst interessiert. Genau solch eine Situation erlebte die Wismut-Stiftung mit einem großformatigen Wandbild, das sie geschenkt bekam. Woher es stammt, was die Stiftung damit macht und wie es damit nun weitergehen soll.
Mehr als dreißig Jahre wusste niemand, wo sich das Kunstwerk befand, das früher die Außenwand eines Transport-Betriebes im thüringischen Ronneburg zierte, geschweige denn, ob es überhaupt noch existierte. Das Wandbild misst circa acht mal vier Meter und besteht aus 70 in aufwendiger Emaille-Maltechnik gefertigten Platten. Der Künstler? Bis heute unbekannt.
Die Kunstsammlung eines DDR-Unternehmens
Seit März 2024 ist es Eigentum der Wismut-Stiftung. Sie wurde vor vier Jahren von der Bundesrepublik Deutschland, den Freistaaten Sachsen und Thüringen sowie der Wismut GmbH gegründet und will das Erbe des ehemaligen Bergbauunternehmens SDAG Wismut bewahren. Dieses war zu DDR-Zeiten einer der größten Produzenten von Uran, hatte bis zu 200 000 Mitarbeiter und produzierte zu Spitzenzeiten pro Jahr über 7000 Tonnen des radioaktiven Metalls; insgesamt wurden über 200 000 Tonnen gefördert. Von 1946 bis 1990 war es im heutigen Westsachsen und in Teilen von Thüringen aktiv und lieferte mit dem abgebauten Uranerz seinerzeit den wichtigsten Rohstoff für die sowjetische Atomindustrie.
4000 Kunstwerke von 450 Künstlern
Aufgabe der Wismut-Stiftung ist es heute, diesen besonderen Nachlass, den der jahrzehntelange Tagebau nicht nur in Landschaft und Umwelt, sondern auch in den Lebensläufen der Bergleute sowie in Traditionen und Kultur der Region hinterlassen hat, zu präsentieren und zu vermitteln. Weniger bekannt ist nämlich, dass „die Wismut“ auch Unmengen an bildender Kunst sammelte und mit mehr als 4000 Werken von 450 Künstlern auch die umfangreichste Kunstsammlung eines DDR-Unternehmens besaß.
Gerettet vor der Verschrottung
Dazu passt auch das unbekannte Wandbild. „Nach der Demontage Anfang der 1990er-Jahre lagerte ein Ronneburger Metallhandwerker die Platten ein, um sie vor der Verschrottung zu retten“, erklärt Tommy Lindner, Referent und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung. 2023 wurden die Emaille-Platten auf dem Grundstück des Handwerkers wiederentdeckt und von dessen Erbengemeinschaft per Schenkungsvertrag der Wismut-Stiftung vermacht. „Transport, Vermessung und Zustandsdokumentation sind abgeschlossen; derzeit erarbeiten Restauratorinnen und Restauratoren ein detailliertes Sicherungs- und Konservierungskonzept.“ Erhalten sind noch 69 von ursprünglich 70 Platten. Durch die eher unprofessionelle Demontage sind jedoch einzelne von ihnen beschädigt und zum Teil stark verformt. Die Restaurierung hat noch nicht begonnen.
Ein unbekannter Künstler und viele offene Fragen
Doch warum ist das Bild überhaupt so bedeutend und was ist darauf zu sehen? Es zeigt eine stark stilisierte Szene aus Bergbau und Arbeitswelt in einer abstrakten Farb- und Formgestaltung. Abgebildet sind die Köpfe einer Frau und eines Mannes mit Helm; die Farben Rot, Blau, Schwarz, Weiß und einige Brauntöne dominieren. Das Wandbild gilt als „Dokument für die in der gesamten DDR praktizierte und insbesondere von der SDAG-Wismut unterstützte Kunst am Bau“ ist auf der Website der Stiftung zu lesen. Entstanden ist es vermutlich im Zeitraum zwischen 1975 und 1980. Die Identität des Künstlers oder der Künstlerin ist bislang aber noch nicht endgültig geklärt. „Weiterführende Recherchen zu Entstehungsjahr, Auftraggeber und dargestellten Personen laufen. Für Hinweise zum Künstler oder dem Wandbild im Allgemeinen sind wir dankbar“, so Tommy Lindner.
Ausstellungen und Spendenkampagne
Um dieses Zeugnis der Industriekultur zu erhalten, läuft derzeit eine Spendenkampagne parallel zu zwei aktuellen Ausstellungen der Stiftung: „Sonnensucher! Kunst und Bergbau der Wismut“ in der „Historischen Baumwollspinnerei 1896“ in Zwickau zeigt Gemälde und grafische Arbeiten aus der Wismut-Kunstsammlung, ergänzt durch Fotos, Filmmaterial und Dokumente sowie Leihgaben aus anderen Sammlungen, die das Bergbaugeschehen in der DDR thematisieren. Und auch einige der Tafeln des Wandbilds sind dort ausgestellt. Die Schau stößt auf großes Interesse und wurde deshalb bis zum 26. Oktober 2025 verlängert. Die Pop-up-Ausstellung „No Secret – Schacht 371“ ist ebenfalls bis zum 19. Oktober geöffnet, wird aber nur an ausgewählten Wochenenden gezeigt. Sie ist offizieller Beitrag zur Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 und ermöglicht Besucherinnen und Besuchern Zugang zu Schacht 371 in Aue-Schlema und damit auch Einblick zu einem UNESCO-Welterbe-Standort am einst tiefsten Bergwerk Europas.
Wandbild soll wieder öffentlich zu sehen sein
Wenn es irgendwann erfolgreich restauriert oder konserviert ist, soll auch das Wandbild dauerhaft öffentlich gezeigt werden, eventuell wieder in Ronneburg oder an einem anderen gut zugänglichen Wismut-Standort. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, wie Tommy Lindner deutlich macht: „Welche Art der Konservierung oder Restaurierung möglich und wie teuer dies sein wird, ist derzeit noch nicht abschließend zu beziffern. Eines ist bereits klar: Ein vierstelliger Betrag wird nicht reichen.“
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Die Wismut-Stiftung und ihre Arbeit
Redaktioneller Hinweis, September 2026: Die im Beitrag genannten Ausstellungen sind inzwischen beendet. Wer das Wandbild geschaffen hat, ist weiterhin ungeklärt. Die Wismut-Stiftung bittet nach wie vor um Hinweise zu seinem Urheber und seiner Entstehungsgeschichte und sammelt Spenden für die Erhaltung des Kunstwerks.