Markus Beckedahl verbindet seit vielen Jahren Netzpolitik, demokratische Freiheitsrechte und digitale Themen. Er gründete netzpolitik.org, initiierte die re:publica mit und rief 2025 das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie ins Leben. Im Herbst 2025 sprach Rico Stehfest mit ihm darüber, warum die Macht großer Digitalkonzerne auch eine demokratische Frage ist – und welche Rolle die Zivilgesellschaft dabei spielen kann.
Das vollständige Interview erschien im Fundraising-Magazin Ausgabe 5/2025. Für das Nonprofit-Magazin veröffentlichen wir einen redaktionell gekürzten Auszug.
Als Aktivist in Sachen Netzpolitik sind Sie bereits seit vielen Jahren aktiv. Warum braucht es Ihrer Meinung nach das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie?
Wenige Unternehmen, in der Hand von noch weniger Menschen, kontrollieren die digitalen Infrastrukturen, die wir alle nutzen. Das muss sich ändern. Deshalb haben wir das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie gegründet. Um uns die Erzählmacht zurückzuholen, wie Digitalisierung gestaltet werden kann. Welche Art von Digitalisierung wollen wir? Wir haben uns zu lange auf Narrative eingelassen, die von Unternehmen geprägt worden sind, die unser Leben komplett dominieren.
Sie haben einmal formuliert, wir würden es als „gottgegeben“ ansehen, dass die digitalen Strukturen sind, wie sie sind. Müssen Sie hier große Überzeugungsarbeit leisten?
Seit über 25 Jahren beschäftige ich mich mit der Gestaltung der Digitalisierung. Mir wurde irgendwann bewusst: Wir schaffen es noch nicht ausreichend, außerhalb einer sehr tech-sozialisierten Bildungsbürgerschicht andere Zielgruppen zu erreichen. Wir wollen erst mal Multiplikatorinnen wie Journalistinnen dazu befähigen, Unternehmensentscheidungen und politische Entscheidungen aus einer anderen Perspektive wahrnehmen zu können, indem wir sehr schnell informieren. Was passiert da? Wie kann eine Entscheidung auch das Leben einer Zielgruppe beeinträchtigen und welche alternativen Lösungsansätze gibt es? Wir wollen auch schauen, wie wir andere Kanäle aufbauen oder unterstützen können, die Zielgruppen erreichen, die sich bisher noch nicht betroffen fühlen von den gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung, aber betroffen sind. Hier wollen wir Lösungswege aufzeigen und damit nicht nur die Digitalkompetenzen steigern, sondern auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung.
Auf der letzten re:publica haben Sie das Thema digitaler Faschismus angesprochen. Autoritarismus als Begriff fällt bei Ihnen auch immer wieder. Sind das die großen Themen, die Sie aktuell umtreiben?
Wir müssen mittlerweile davon ausgehen, dass die Digitalkonzerne aus ideologischen und geschäftlichen Gründen manipulieren, wie sich unsere digitale Realität formt und was wir dort sehen können. Auf jeden Fall ist es zu viel Macht in der Hand Einzelner, und wir brauchen mehr demokratische Kontrolle dieser Macht. Wir haben gleichzeitig die Situation, dass es zwar auf der europäischen Ebene Regeln gibt zur Plattformregulierung, die aber offensichtlich gegen US-Konzerne aktuell nicht durchgesetzt werden. Wir laufen jetzt Gefahr, Regeln zur Sicherung von Demokratie, Wettbewerb und der Meinungsfreiheit gegen die Hoffnung einzutauschen, dass wir weniger Zölle für unsere Autoindustrie bekommen. Und das ist meiner Meinung nach inakzeptabel.
Gleichzeitig bringt die beste Regulierung dieser Plattformen wenig, wenn wir keine Alternativen haben. Wir setzen uns auch dafür ein, dass wir ein stärkeres Bewusstsein dafür bekommen, dass wir ähnlich wie im analogen Leben mehr gemeinwohlorientierte Infrastrukturen bekommen. Wir wollen auch Lösungswege erarbeiten und in die öffentliche Debatte einbringen, wie der Staat im Rahmen der öffentlichen Daseinsvorsorge digitale Infrastrukturen selbst unterstützen, finanzieren, gegebenenfalls betreiben kann, damit wir morgen eine Alternative, eine Wahlfreiheit haben können.
Wünscht sich der Großteil der Menschen diese Wahlfreiheit? Es fühlt sich doch alles so „bequem“ an …
Wir brauchen eine viel stärkere Regulierung des Werbemarktes, weil dort viele negative gesellschaftliche Nebenwirkungen produziert werden. Diese Infrastrukturen sind darauf optimiert, unsere Aufmerksamkeit größtmöglich zu binden und zu möglichst viel Interaktion zu verleiten, damit wir möglichst viele Datenpunkte hinterlassen. Das verleitet auch viele Akteure dazu, Gesellschaften zu destabilisieren, ihre eigenen Ideologien auf die Überholspur zu schicken. Dieses System müssten wir eigentlich am stärksten regulieren, bis hin zu einem Verbot personalisierter Werbesysteme.
Ich glaube, es gibt eine viel größere Sehnsucht nach anderen Systemen, als viele glauben. Die meisten Menschen nutzen WhatsApp, weil dort alle anderen auch sind. Es ist einfach bequem, das zu nutzen. Wir sollten aber Alternativen eine Chance geben. Und da, wo diese noch nicht so gut funktionieren, sollten wir schauen, wie wir sie besser machen können.
Das ist ähnlich wie in der Klimadebatte: Es gibt Menschen, die sehr bewusst leben, die Produkte kaufen, die ökologisch produziert worden sind, die vielleicht aus der Region kommen. Ähnliche bewusste Entscheidungen können wir auch im digitalen Raum nutzen. Wenn wir Produkte nehmen, wo der Datenschutz eingebaut ist, wo unsere Werte respektiert sind. Ich glaube, wenn hier durch staatliche Innovationsförderung mehr Alternativen bereitstehen würden, würden mehr Menschen auch wechseln wollen.
Neben dem Wunsch nach Allianzen formulieren Sie auch gern den Begriff der Schwarmkraft. Was wünschen Sie sich idealerweise von einer Zusammenarbeit mit Akteuren der Zivilgesellschaft?
Ich wünsche mir mehr Offenheit dafür, konstruktive Debatten zu führen und auch andere Perspektiven zuzulassen. Wir leben in komplexen Zeiten, in denen unterschiedlichste Perspektiven sinnvoll sind, um zu verstehen, welche Handlungsmöglichkeiten wir als Gesellschaft noch haben. Dafür brauchen wir Räume oder Debattenorte, um diese Perspektiven anzuerkennen und auch zu verstehen, dass man teilweise unterschiedliche Sprachen spricht, aber vielleicht dasselbe meint.
Das klingt sehr ambitioniert. Inwieweit können Sie dabei aus Ihren bisherigen Erfahrungen schöpfen?
Ich habe nicht die Illusion, dass es uns gelingen wird, die Macht von Big Tech im nächsten Jahr zurückzudrängen. Aber ich glaube schon, dass es uns gelingen kann, mit sehr wenigen Mitteln sehr effektiv Wirkung zu zeigen, indem wir Multiplikatorinnen für viele Fragestellungen sehr gut sensibilisieren und darüber eine große Wirkkraft ausüben können. Wir wissen auch mit unseren Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, sehr effektiv umzugehen. Wir haben sehr starke Netzwerke und wissen, wo wir am besten unsere Ressourcen investieren sollten. Wir fangen nicht von Null an, sondern bauen auf vielen Jahren Netzwerken und Erfahrung auf, um einen neuen Ansatz auszuprobieren, der so noch nicht ausprobiert wurde.
Weitere Informationen: www.digitalrechte.de