72 Prozent der zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland blicken optimistisch in ihre Zukunft. Das zeigt das erste Zuversichtsbarometer der Robert Bosch Stiftung. Doch Bürokratie, Finanzierungsprobleme und Personalmangel belasten die Arbeit. Größere Organisationen sind dabei etwas zuversichtlicher als kleinere Vereine.
Die organisierte Zivilgesellschaft in Deutschland lässt sich ihre Zuversicht offenbar nicht nehmen. Trotz schwieriger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen bewerten 72 Prozent der befragten Organisationen ihre Zukunft positiv. Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt die durchschnittliche Zuversicht bei 7,3 Punkten. Nur fünf Prozent der Befragten blicken ausgesprochen pessimistisch nach vorn.
Das geht aus dem erstmals veröffentlichten Zuversichtsbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung hervor. Für die Studie befragte das Meinungsforschungsinstitut forsa bundesweit 754 Vertreterinnen und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen.
Engagement und Wirkung machen Mut
Die größte Zuversicht schöpfen die Organisationen aus ihrer eigenen Arbeit. 94 Prozent der Befragten nennen das Engagement ihrer Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen als ermutigenden Faktor. Positive Rückmeldungen der Zielgruppen (92 Prozent) sowie konkrete Erfolge und die sichtbare Wirkung von Projekten (90 Prozent) stärken ebenfalls den Optimismus.
Auch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen (79 Prozent) und der gesellschaftliche Rückhalt (71 Prozent) werden als bestärkend empfunden. Politische oder finanzielle Unterstützung nennen dagegen nur 51 Prozent.
Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig das Engagement von Menschen und die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit für die Zukunftserwartungen der Organisationen sind. Für die Fundraising-Praxis lässt sich daraus auch die Bedeutung einer guten Wirkungskommunikation und der Pflege von Beziehungen zu Ehrenamtlichen, Mitgliedern und Unterstützenden ableiten.
Bürokatie und Finanzierung sind zentrale Herausforderung
Der großen Zuversicht stehen erhebliche Belastungen gegenüber. An erster Stelle stehen Bürokratie und Verwaltungsaufwand, die 73 Prozent der Befragten als Belastung empfinden. Fast zwei Drittel (64 Prozent) nennen eine unsichere Finanzierung. Personalmangel oder die Überlastung von Mitarbeitenden belasten 60 Prozent der Organisationen.
Hinzu kommen Schwierigkeiten bei der Gewinnung neuer Engagierter und Mitarbeitender (58 Prozent). Auch das gesellschaftliche und politische Umfeld wirkt sich aus: 54 Prozent beklagen mangelnde politische Unterstützung, 46 Prozent die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft. Jede sechste Organisation berichtet von Hass oder Anfeindungen.
Die Finanzierung ist damit nach dem Verwaltungsaufwand die zweithäufigste genannte Belastung. Ob dabei fehlende Spenden, auslaufende Fördermittel oder andere Einnahmeprobleme im Vordergrund stehen, untersucht die Studie allerdings nicht gesondert.
Größere Organisationen optimistischer als Kleinere
Bei der Zukunftszuversicht zeigen sich Unterschiede nach Organisationsgröße. Von den Organisationen ohne festangestellte Mitarbeitende bewerten 67 Prozent ihre Zukunft als zuversichtlich. Bei Organisationen mit mehr als 100 Beschäftigten sind es 76 Prozent.
Auch ihren gesellschaftlichen Einfluss schätzen größere Organisationen höher ein. Während 73 Prozent der Organisationen ohne Festangestellte ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Gestaltung als eher oder sehr groß bewerten, sind es bei Organisationen mit mehr als 100 Beschäftigten 92 Prozent.
Die Robert Bosch Stiftung spricht sich angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen für verlässliche Förderstrukturen und flexible Finanzierungsmöglichkeiten aus. Dazu gehört auch die Unterstützung von Infrastruktur, Organisationsentwicklung und langfristiger Handlungsfähigkeit. Kritisiert werden Projektförderungen.
Gute Ideen, aber Hürden bei der Umsetzung
Dass Zuversicht allein nicht ausreicht, zeigt ein weiteres Ergebnis: 76 Prozent der Befragten haben konkrete Vorstellungen davon, wie ihre Organisation zu einer besseren Zukunft beitragen kann. Die Umsetzung neuer Ideen fällt ihnen jedoch deutlich schwerer. Auf einer Skala von 0 für sehr schwer bis 10 für sehr leicht liegt der Durchschnitt lediglich bei 6,2 Punkten.
Die Studie zeichnet damit das Bild einer engagierten und gestaltungswilligen Zivilgesellschaft, deren Möglichkeiten durch äußere Rahmenbedingungen eingeschränkt werden. Für Nonprofit-Organisationen bleibt es deshalb eine zentrale Aufgabe, nicht nur Engagement und Wirkung zu stärken, sondern auch ihre personellen und finanziellen Grundlagen langfristig zu sichern.
Über die Studie „Zuversichtsbarometer 2026“
Für das erste Zuversichtsbarometer befragte forsa im Auftrag der Robert Bosch Stiftung vom 10. August bis 4. September 2026 bundesweit 754 Vertreterinnen und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen mittels computergestützter Telefoninterviews.
81 Prozent der Befragten vertraten eingetragene Vereine, elf Prozent gemeinnützige GmbHs und fünf Prozent Stiftungen. 62 Prozent der Organisationen hatten höchstens 20 festangestellte Mitarbeitende. Ein Jahresbudget von weniger als 50.000 Euro gaben 15 Prozent an; 27 Prozent machten hierzu keine Angaben.
Quelle: Robert Bosch Stiftung, Zuversichtsbarometer 2026 – Zivilgesellschaft als Zukunftsarchitektin.