Digitale Beteiligung galt lange als Ergänzung klassischer Kampagnenarbeit. Für Maria Mayrhofer, Gründerin von aufstehn.at, ist sie jedoch der Schlüssel, um gesellschaftliches Engagement breiter, schneller und unabhängiger zu machen. Im Interview mit Rico Stehfest spricht sie darüber, wie sich demokratische Teilhabe digital organisieren lässt – und warum Selbstwirksamkeit der beste Schutz vor autoritären Tendenzen ist.
Sie haben 2015 die Kampagnenplattform aufstehn.at gegründet. Welche Umstände haben Sie dazu veranlasst?
Maria Mayrhofer: Das war das Jahr, in dem auch in Österreich viele Menschen Zuflucht gesucht haben. Wir haben damals schnell gemerkt, dass die Politik an ihre Grenzen stößt oder sogar handlungsunfähig ist. Das wurde zum Beispiel an dem überfüllten Erstaufnahmezentrum Traiskirchen sichtbar. Da mussten im Sommer bei brütender Hitze Frauen mit kleinen Kindern auf dem Boden im Freien schlafen. Dieser Moment hat in der österreichischen Zivilgesellschaft viele Menschen mobilisiert. Sie haben Essen, Kleidung und Decken herangeschafft. Zu dieser Hilfsbereitschaft gesellte sich aber bald auch das Gefühl von Hilflosigkeit, denn mit karitativer Unterstützung, also Charity, allein konnten wir das Problem der menschenunwürdigen Unterbringung nicht lösen.
Change ist das, was den Unterschied macht. Dafür braucht es den Kontakt zu Entscheidungsträgerinnen und -trägern. Man muss den politischen Willen herstellen. Diese Hürde wollten wir mithilfe digitaler Tools überwinden. Wir haben dann eine Aktion gestartet, bei der man einfach mit ein paar Klicks dem eigenen Bürgermeister, der Bürgermeisterin schreiben konnte, um sie aufzufordern, Geflüchtete in der Gemeinde aufzunehmen. Wir haben darauf Rückmeldungen bekommen, dass in vielen Orten etwas passiert ist, dass dort, wo Platz war, Geflüchtete auch aufgenommen worden sind. Das war für uns ein „Proof of Concept“. Auf dieser Basis haben wir unsere Organisation gegründet. Wir versuchen seitdem, mit digitalen Tools Mitbestimmung, Teilhabe und Mitgestaltung entlang vieler gesellschaftspolitisch relevanter Themen zu ermöglichen.
Haben Sie sich damals an der Struktur vergleichbarer Organisationen orientieren können?
Wir hatten viel Inspiration aus anderen Ländern und Wissenstransfer und Support bei der Gründung. Campact ist eine der Organisationen, von denen wir viel lernen durften, oder moveon.org in den USA. Was uns vereint, ist die progressive Wertehaltung und der Digital-first-Ansatz. Wir haben viele Schwesterorganisationen, etwa in Ungarn, in Rumänien oder in Israel. Wir sehen deutlich, welche Rolle Organisationen wie uns zukommt, wenn die Räume für die Zivilgesellschaft schrumpfen.
Was uns von den klassischen Petitionsplattformen unterscheidet, ist, dass wir die Petitionen und Kampagnen betreuen, die die Menschen von sich aus starten. Dabei unterstützen wir auch viele kleine oder lokale Initiativen auf verschiedene Weise.
Das Problem der shrinking spaces ist ja ein fortlaufender Prozess. Wie hat sich diesbezüglich Ihre Arbeit in den letzten zehn Jahren verändert?
Die demokratiepolitische Dimension unserer Arbeit ist in den letzten zehn Jahren immer wichtiger geworden. Wir haben erlebt, wie zunehmend versucht wurde, kritisches zivilgesellschaftliches Engagement zu delegitimieren und einzuschränken – insbesondere mit dem Erstarken rechtspopulistischer Kräfte. Institutionen, die in einer Demokratie eine wichtige Kontrollfunktion haben, wie Medien, Justiz, aber auch die organisierte Zivilgesellschaft, wurden systematisch angegriffen und geschwächt. In diesem Kontext hat sich auch unsere Rolle verändert: Wir haben erkannt, wie zentral unsere Arbeit im Bereich der Teilhabe für die Resilienz unserer Demokratie ist.
Selbstwirksamkeitserfahrungen sind eine der stärksten Präventionen gegen autoritäre Tendenzen. Wenn Menschen erleben, dass sie durch ihr Engagement konkrete Veränderungen bewirken können – sei es durch eine Petition, ein Gespräch mit der Bürgermeisterin oder eine gemeinsame Demonstration –, dann immunisiert das gegen das Gefühl von Machtlosigkeit, das antidemokratische Kräfte so gerne nähren. Eine lebendige Zivilgesellschaft, in der Menschen aktiv mitgestalten können, ist wie ein Seismograf für eine intakte Demokratie. Unser Organisationsmodell zielt genau darauf ab: Menschen erfahrbar zu machen, dass sie nicht allein und nicht machtlos sind, sondern Teil einer größeren Gemeinschaft, die gemeinsam etwas bewegen kann.
Wie gestaltet sich vor diesem Hintergrund für aufstehn.at aktuell die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen?
Wir haben innerhalb Österreichs schon lange engen Kontakt mit unterschiedlichen Organisationen. Es gibt Netzwerke, in denen wir uns allgemein zu Herausforderungen austauschen und innerhalb des Sektors gegenseitig stärken. Das finde ich auch sehr wichtig. Darüber hinaus gibt es auch Netzwerke, die stärker politisch arbeiten, die Demokratie stärken wollen. Hier arbeiten wir auch mit vielen kleinen lokalen, regionalen und nationalen Initiativen zusammen. Wir versuchen, die Menschen miteinander in Kontakt zu bringen und Initiativen mit Wissen und Tools zu versorgen, mit denen sie aktiv werden können.
Wir glauben, gerade im Regionalen, in dünner besiedelten Regionen am Land, gibt es weniger Angebote und Möglichkeiten, sich zu vernetzen und gemeinsam ein Anliegen voranzutreiben. Das spielt rechtspopulistischen Kräften in die Karten. Umso wichtiger ist es, dass wir auch in ländlichen Räumen Möglichkeiten zur Verfügung stellen, politische und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, wie wir es mit unserer Petitionsplattform tun. International ist die Bedrohung der Demokratie schon länger ein Thema. Polen, Ungarn, Serbien: Da tauschen wir uns sehr intensiv aus. Wir kennen die Bedrohungsszenarien. Dadurch sind wir in der Lage, Best Practices im Abwehren von Angriffen weiterzugeben oder gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man die Zivilgesellschaft stärken kann. Gerade auch, weil der digitale Raum nicht auf nationale Grenzen beschränkt ist. Deshalb finden wir es gerade auch im D-A-CH-Raum besonders wichtig, dass wir konstant im Kontakt bleiben.
Philippe Narval von der Lebenshilfe Österreich hat vor einiger Zeit in der österreichischen Zeitung Der Standard in einem Kommentar angemerkt, dass trotz starker Professionalisierung die NGOs in den letzten Jahren zunehmend mit sich selbst beschäftigt seien. Das macht er als ein grundlegendes Problem aus, auch, was die Angreifbarkeit etwa vonseiten der rechtsgerichteten FPÖ anbelangt. Können Sie das einordnen?
Wir leben in einer Polykrise, und es gibt sehr viele Fragestellungen, mit denen sich NGOs beschäftigen müssen. Dazu kamen Corona und eine wirtschaftliche Situation, die es vielen spendenbasierten Organisationen schwieriger macht, sich entsprechend aufzustellen. Das allein führt schon dazu, dass man sich mit internen Herausforderungen auseinandersetzen muss. Aber auch der rasante technische Fortschritt und die Digitalisierung führen dazu, dass sich viele Organisationen vermehrt mit aufwändigen Change-Prozessen beschäftigen müssen. Da haben wir als relativ junge, digital aufgestellte NGO vermutlich einen gewissen Startvorteil.
Darunter, dass der gemeinnützige Sektor immer weiter unter Druck zu geraten scheint, leidet mitunter auch die Glaubhaftigkeit von NGOs. Unterstützerinnen und Unterstützer wenden sich im schlimmsten Fall von einer NGO ab. Können Sie hier eine Veränderung im Verhalten der Menschen wahrnehmen?
Da wir oft auf Konfrontationslinie mit Entscheidungsträgern sind, sind wir da grundsätzlich diametral anders positioniert. Wir sind keine NGO, für die man spendet und gleichzeitig politisch nirgendwo anecken will. Unsere Spenderinnen und Spender wissen ganz genau um unsere politische Positionierung und parteipolitische Unabhängigkeit.
Jedes Mal, wenn wir um Spenden bitten, betonen wir dabei auch, dass wir darüber unsere Unabhängigkeit gewinnen. Ich würde sogar sagen, dass in solchen Krisen- und Konfliktzeiten unsere Arbeit noch ein Stück mehr geschätzt wird.
Das gibt Ihrem Engagement sicher entsprechenden Rückenwind.
Demokratiepolitische Krisen und Konflikte bestärken uns jedenfalls in der Bedeutsamkeit unserer Arbeit. Deshalb ist es für uns zentral, dafür zu sorgen, dass wichtige Institutionen unserer Demokratie und unseres Zusammenlebens geschützt sind und gestärkt werden. Da können sehr viele von uns einen Beitrag leisten. Es geht auch darum, zu zeigen, dass Demokratie kein hohler Begriff ist. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen spüren, welchen unglaublich wertvollen Beitrag die gemeinnützigen Organisationen der Zivilgesellschaft leisten. Die Teilhabe muss erlebbar werden, zum Beispiel über ehrenamtliches Engagement, über Mithelfen und Mitwirken. Das ist meiner Meinung nach die wichtigste Immunisierung gegen antidemokratische Kräfte.