„Wer die Zivilgesellschaft schwächt, gefährdet die Demokratie.“

Die Zivilgesellschaft ist kein Bittsteller des Staates, sagt Rupert Graf Strachwitz. Im Interview erklärt er, warum Vereine, Stiftungen und andere Organisationen für eine funktionierende Demokratie unverzichtbar sind – und weshalb sie sich stärker in öffentliche Debatten einmischen sollten.
Interview von Patrick Tapp
25. September 2026
Lesedauer: 7 Minuten
frei lesbar für alle

Zivilgesellschaftliche Organisationen sind das Rückgrat einer funktionierenden Demokratie. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung gerät dieses Rückgrat zunehmend unter Druck. NGOs werden attackiert, Engagement wird misstrauisch betrachtet, und viele große Organisationen halten sich auffällig zurück. Über die Ursachen, Strukturen und Zukunft der Zivilgesellschaft sprach Patrick Tapp, Präsident des Deutschen Dialogmarketing-Verbandes, mit Dr. Rupert Graf Strachwitz, Politikwissenschaftler, Gründer und Senior Strategic Advisor der Maecenata-Stiftung.

Dr. Rupert Graf Strachwitz: Der Begriff NGO wurde ursprünglich von den Vereinten Nationen geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten dort Organisationen die Mög­lich­keit, sich als nichtstaatliche Partner zu akkreditieren. Seit einigen Jahren haben die autoritären Staaten dort eine Mehrheit und blockieren alle Anträge auf Neuak­kre­ditierung. Heute wird der Begriff sehr weit, oft auch ungenau und zunehmend politisch verwendet. Das Wort „non-governmental“ wird häufig negativ interpretiert, als etwas, das „nicht dazugehört“.

Ich spreche in diesem Zusammenhang lieber von der Zi­vil­ge­sellschaft, denn sie beschreibt eine Wirk­lichkeit, die wir hierzulande sehr konkret erleben: Menschen, die sich freiwillig or­ganisieren, um etwas zu bewirken, das über ihre privaten Interessen hinausgeht. Weil, solange es eine aktive Zivilgesellschaft gibt, unsere Gesellschaft den Namen Bürgergesellschaft verdient.

Wir haben in Deutschland rund 700 000 solcher Organisationen: Vereine, Stiftungen, Verbände, Initiativen. Vom ADAC bis zur Caritas, vom Trachtenverein bis zur Um­welt­be­wegung und zur Protestgruppe. Das ist eine enorme Vielfalt. Allen gemeinsam ist, dass sie nicht gewinnorientiert arbeiten, subjektiv dem Gemeinwohl verpflichtet sind und keine hoheitlichen Aufgaben erfüllen.

Trotzdem wird in der politischen und öffent­lichen Diskussion oft so getan, als gäbe es eine „gute“ und eine „schlechte“ Zivilge­sell­schaft, also solche Organisationen, die ak­zeptiert sind, und solche, die man lieber los­werden möchte. Woher kommt dieses Miss­verständnis?

Diese Unterscheidung hat sich einge­schli­chen, weil viele, die darüber reden oder schreiben, das Thema nie ernsthaft durchdrungen haben. Es fehlt schlicht an Wissen. Da wird schnell geurteilt, ohne zu verstehen, wie breit dieses Feld eigentlich ist. Ich erlebe oft, dass Menschen aus dem liberal-konservativen Spektrum – gute Demokraten, ohne Zweifel – sagen: „Ist doch prima, dass die jetzt mal alle eins auf den Deckel bekommen.“ Wenn ich dann frage, ob damit auch der eigene Sportverein gemeint sei, herrscht erst einmal Stille. Da wird deutlich, wie groß die Verwirrung ist.

Wie lässt sich diese Vielfalt und Unterschiedlichkeit überhaupt fassen? Gibt es eine Unterteilung, die beschreibt, wie zivilgesellschaftliche Organisationen arbeiten?

Ja, man kann die Organisationen danach unterscheiden, wie sie arbeiten. Neben einer Einteilung nach Themen – also Sport, Kultur, Soziales, Umwelt – halte ich diese Unterteilung nach der Art ihres Wirkens für besonders sinnvoll. Da gibt es erstens die Dienstleister, Wohl­fahrts­verbände, Schulträger und an­dere, die konkrete Aufgaben für die Gesell­schaft übernehmen. Dann die Themen­anwälte, etwa Greenpeace oder Amnesty Inter­national, die für ein spezielles The­ma kämpfen. Eine dritte Gruppe sind die Wächterorganisationen, sogenannte Watch­dogs oder Monitoringstellen. Ein bekanntes Beispiel ist die Stiftung Warentest.

Danach kommen die Mittlerorganisa­tio­nen, also Förderstiftungen oder Dach­ver­bände, die koordinieren, bündeln und ver­netzen. Die nächste Gruppe bilden Selbst­hilfeorga­nisationen – von Pa­tien­ten­gruppen wie den Anonymen Alkoholikern bis zu Sportver­einen. Dann gibt es Organisationen mit poli­ti­scher Mitwirkungsfunktion, also Stif­tungen wie Bertelsmann oder Mercator, die Konzepte und Studien für politische Ent­wick­lungen erarbeiten. Und schließlich die gemeinschaftsbilden­den Organisationen wie Trach­ten­vereine, Schüt­zenvereine, Chöre oder Kir­chen­ge­mein­den. Sie schaffen Zu­sam­men­halt und Iden­ti­tät und werden viel zu oft unterschätzt.

All das gehört zur Zivilgesellschaft. Diese Vielfalt ist ihre Stärke, aber sie macht sie auch schwerer greifbar und damit angreifbarer. Und eine Querschnittfunktion teilen sie alle: Sie bieten Möglichkeiten, sich zu engagieren und damit ein erfülltes Leben zu führen, oder, wie der Christ sagt, etwas für das Seelenheil zu tun.

Sie haben jetzt sehr anschaulich gezeigt, wie breit und vielfältig die Zivilgesellschaft aufgestellt ist. Trotzdem scheint gerade diese Vielfalt von Teilen der Politik nicht als Stärke, sondern als Störfaktor wahrgenommen zu werden. Warum tun sich Parteien so schwer im Umgang mit der Zivilgesellschaft und wann hat das begonnen?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen verstehen viele Parteien bis heute nicht, dass die Zivilgesellschaft ein eigenständiger Teil des demokratischen Systems ist. Zum anderen haben sie über viele Jahrzehnte eine Position entwickelt, in der sie glauben, allein für die politische Meinungsbildung zuständig zu sein. Das schien lange selbstverständlich zu sein, aber diese Selbstverständlichkeit ist ihnen abhandengekommen. Die Zivilgesellschaft hat sich seit dem Mauerfall weiterentwickelt, sie ist selbstbewusster geworden und beansprucht zunehmend, Themen zu setzen. Dadurch entsteht Reibung. Manche Parteien empfinden das als Be­drohung, weil sie ihren Einfluss auf die öffentliche Agenda schwinden sehen.

Hinzu kommt, dass Parteien heute vielfach mit sich selbst beschäftigt sind: mit Per­sonal­fragen, mit Machtfragen, mit Wahl­strategien. Der geistige Austausch findet kaum noch statt. Es fehlt die inhaltliche Aus­ein­an­der­set­zung darüber, was eine De­mo­kratie im Innersten zusammenhält. Und das führt dazu, dass die Zivilgesellschaft von vielen als Störenfried wahrgenommen wird anstatt als Partner, der Demokratie lebendig hält. Und natürlich: Es gibt Vertreter autokratischer Tendenzen, die eine pluralistische Meinungsbildung nicht dulden wollen.

Heißt das, die Parteien haben den Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung verloren?

Zum Teil, ja. Sie haben die Veränderungen unterschätzt. In den sechziger und siebziger Jahren haben Denker wie Jürgen Habermas und Ralf Dahrendorf die Zivilgesellschaft als Motor der Demokratie verstanden. Diese Idee hat in den Parteien nie wirklich Fuß gefasst. Stattdessen herrscht vielfach noch die Vorstellung, Politik finde nur im Parlament statt.

Das ist überholt. Die Demokratie von heute lebt vom Austausch zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Parteien müssen akzeptieren, dass sie nicht mehr die alleinige Deutungshoheit haben. Wenn sie das nicht tun, verlieren sie weiter an Vertrauen und Relevanz.

Das heißt, die Zivilgesellschaft ist nicht eine Ergänzung des demokratischen Staates, sie ist sein Fundament.

Ganz genau. Der Staat kann Demokratie nicht allein tragen. Ernst-Wolfgang Böckenförde hat das in seinem berühmten Diktum vor über 50 Jahren treffend formuliert: „Der frei­heit­liche, säkularisierte Staat lebt von Vor­aus­set­zungen, die er selbst nicht garan­tieren kann.“ Diese Voraussetzungen schafft die Zivilgesellschaft. Sie vermittelt Sinn, Wer­te und Vertrauen.

Trotz dieser Bedeutung erleben wir derzeit, dass zivilgesellschaftliche Organisationen unter Druck geraten. Woher kommt diese zunehmende Skepsis?

Zum Teil aus Unkenntnis, zum Teil aus Kalkül. Viele Politikerinnen und Politiker verstehen die Zivilgesellschaft nur oberfläch­lich. Sie begegnen ihr meist über einen ört­lichen Verein oder eine Initiative und über­sehen ihre systemische Rolle. Gleichzeitig hat sich die Zivilgesellschaft in den letzten Jahrzehnten stark emanzipiert. Sie ist sichtbarer geworden, sie fordert, sie widerspricht. Damit wurde sie für manche zur unbequemen Konkurrenz.
Das erklärt, warum Teile der Politik, vor allem im konservativen Lager, versucht haben, Zivilgesellschaft zu diskreditieren. Man spricht von „linken NGOs“, die angeblich staatlich alimentiert werden, während man die eigenen Verbände für neutral hält.

Im Grunde wird also ein politischer Machtkampf auf dem Rücken der Zivilgesellschaft ausgetragen.

Ja. Es geht um Deutungshoheit. Parteien sehen, dass gesellschaftliche Ideen und Be­we­gungen zunehmend außerhalb ihrer Strukturen entstehen. Das beunruhigt sie. Manche versuchen, diese Entwicklung mit Misstrauen oder sogar Feindseligkeit zu bremsen. Hinzu kommt: Es gibt internationale Kräfte, die Demokratie als System infrage stellen. Der US-amerikanische Unternehmer Peter Thiel ist ein Beispiel. Er sagt offen, Demokratie sei überholt und ineffizient und müsse durch technokratische Steuerung ersetzt werden. Für solche Denkmodelle ist Zivilgesellschaft hinderlich, weil sie auf Selbstorganisation und Meinungsvielfalt basiert. Wir dürfen nicht vergessen: Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie lebt da­von, dass Menschen sich einbringen. Wer die Zivilgesellschaft schwächt, gefährdet die De­mokratie selbst.

Die meisten Organisationen halten sich in der aktuellen Debatte auffallend zurück. Warum hört man von ihnen so wenig?

Das ist tatsächlich ein Phänomen, das mir auffällt. Viele Organisationen leben in einer gewissen Abhängigkeit vom Staat. Sie erhalten öffentliche Mittel und sind deshalb vorsichtig geworden. Man fürchtet, sich unbeliebt zu machen oder Fördergelder zu verlieren, wenn man zu kritisch wird. Hinzu kommt, dass viele gar kein klares Selbstverständnis als Teil der Zivilgesellschaft haben. Einige beginnen, sich neu zu positionieren. Die Caritas bezeichnet sich inzwischen ausdrücklich als zivilgesellschaftliche Organisation, auch das Bündnis für Gemeinnützigkeit macht deutlich, dass es den öffentlichen Diskurs mitgestalten will. Das sind wichtige Signale, aber sie bleiben Ausnahmen.

Zivilgesellschaftliche Organisationen müs­sen sich daran erinnern, dass sie keine Bitt­stel­ler sind, sondern Gestalter. Sie dürfen sich nicht in Abhängigkeiten einrichten. Ei­gen­­­mittel, Fundraising, ehrenamtliches En­­ga­ge­ment: All das sichert Freiheit.

Fehlt es da auch an Austausch und an echten Gesprächsformaten zwischen Politik und Zivil­gesellschaft?

Ja, absolut. In Deutschland gibt es kaum echte Dialogstrukturen. Man hört sich ge­gen­seitig an, aber man spricht nicht mitein­ander. In Österreich und Großbritannien ist das beispielsweise anders: Dort gibt es feste Gesprächsformate zwischen Regierung und den großen zivilgesellschaftlichen Dachverbänden. Da wird diskutiert, gestritten, verhandelt – es gibt eine Kultur des Austauschs. So etwas fehlt uns.

Woran liegt es, dass das Thema nicht breiter aufgegriffen wird? Liegt das an der Verän­de­rung der Medienlandschaft?

Die Medienresonanz lässt in der Tat zu wünschen übrig. Es bräuchte eine viel breitere Me­dien­diskussion. Allerdings gibt es einen alten Spruch, der lautet: Zu den Organisationen kom­men die Medien dann, wenn entweder der Landrat zu Besuch kommt oder wenn jemand in die Kasse greift. Die Medien sind an dem Thema wenig interessiert und deshalb entsteht keine große öffentliche Debatte. Das mag auch daran liegen, dass keine zivilgesellschaftliche Organisation den Aufwand für die Medienarbeit betreiben kann wie etwa der Staat oder die Wirtschaft.

Wenn Sie das alles zusammenfassen: Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Forderungen an die verschiedenen Akteure?

Erstens muss die Politik Zivilgesellschaft endlich als gleichberechtigten Partner begreifen. Nicht als Störfaktor oder Dienstleister, sondern als dritten Sektor, der eigene Perspektiven einbringt. Dazu braucht es feste Dialogformate, dauerhafte Gesprächsforen, echte Beteiligung. Zweitens muss die Zivilgesellschaft sich emanzipieren. Sie muss ihre Unabhängigkeit wahren, mutiger werden und sich in Debatten einmischen, auch wenn es unbequem ist. Drittens müssen die Medien über das Thema breit berichten und nicht einseitig. Die Zivilgesellschaft ist vielfältig, und diese Vielfalt verdient Sicht­bar­keit. Und schließlich ist auch jede Bürgerin und jeder Bürger gefragt, die Zivil­ge­sell­schaft durch Engagement zu stärken.

Fotocredit(s)

  • Dr. Rupert Graf Strachwitz: privat

Publikumsvoting für den Deutschen Engagementpreis 2026 gestartet

Bis zum 29. Oktober 2026 läuft das Publikumsvoting für den Deutschen Engagementpreis 2026. Die Gewinner werden im November in Berlin geehrt.

Weiterlesen

Marina Silva: „Demokratie schützen und den Klimawandel aufhalten“

Brasilien steht vor der Stichwahl um das Präsidentenamt. Marina Silva kämpft seit Jahrzehnten für den Schutz des Amazonas. Im Interview sprach die brasilianische Umweltpolitikerin über die Klimakrise, politische Widerstände und die Bedeutung einer starken Demokratie.

Weiterlesen

Förderpott Ruhr: neue Bewerbungsphase noch bis 30. September 2026

Der Förderpott.Ruhr unterstützt nachbarschaftliches Engagement im Ruhrgebiet. In der 14. Förderrunde stellt die Stiftung Mercator für weitere 30 Projekte zusätzliche Fördermittel in Höhe von 100.000 Euro bereit. Bewerbungen sind noch bis zum 30. September 2026 möglich.

Weiterlesen

15. Engagement-Fachtag Sachsen

Am 2. Oktober 2026 kommen in Wurzen haupt- und ehrenamtlich Engagierte zum Fachtag Sachsen zusammen. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Weiterlesen

Immer einen Klick wert ...

Danke an unsere Partner, Sponsoren und Inserenten, die helfen, das Nonprofitmagazin frei zugänglich zu halten.
Die folgenden Beiträge sind gesponserte Inhalte, auch Advertorials genannt.
Möchtest auch du dein Unternehmen oder Angebot hier präsentieren, schreibe uns.

Digitale Spendenbestätigung und personalisierte PDFs einfach erzeugen

Die digitale Spendenbestätigung muss nicht mehr gedruckt, kuvertiert und mit der Post verschickt werden. Mit TailorPDF entstehen aus einer professionellen PDF-Vorlage und vorhandenen Daten personalisierte Dokumente – inklusive Response-Elementen wie Links, QR-Codes oder Spendenaufrufen. Das schafft neue Möglichkeiten.

Vom Spendenkonto zur Fundraising-Strategie. Deine Bank – jetzt mit Fundraising Beratung.

Weil erfolgreiches Fundraising bei Menschen und Ihrem Engagement ansetzt. Wir unterstützen euch, Finanzierung und Beziehungen zusammenzudenken. Gemeinsam. Sozial. Wirksam.

Erbschaftsfundraising: Vertrauen statt Kampagne

Immer mehr Menschen bedenken gemeinnützige Organisationen in ihrem Testament. Erbschaftsfundraising ist deshalb ein wichtiges Thema. DDV-Mitglieder berichten über Ihr Erfahrungen.

Wie sieht erfolgreiches Fundraising der Zukunft aus?

Digitale Zahlmethoden verändern das Spendenverhalten. Die Webinar-Reihe „StrategieImpuls Fundraising“ zeigt was erfolgreiches Fundraising der Zukunft ist.

EU-Entgelttransparenz­­­richtlinie: Warum Organisationen jetzt handeln müssen

Neue Auskunftsrechte, Berichtspflichten und empfindliche Sanktionen: Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie stellt Vergütungssysteme auf den Prüfstand – und die Umsetzungsfrist läuft.

Spendergewinnung – Wie Organisationen heute Menschen fürs Spenden begeistern

Spendergewinnung wird immer schwieriger. NGOs müssen neue Zielgruppe fürs Spenden begeistern. Wie gehen sie strategisch vor? Wir haben uns bei der UNO-Flüchtlingshilfe, Ärzte ohne Grenzen und dem Deutschen Tierschutzbund umgehört.