Marina Silva gehört zu den bekanntesten Stimmen der brasilianischen Umweltbewegung. Die frühere Senatorin und langjährige Umweltministerin wuchs im Amazonasgebiet auf und kämpft seit Jahrzehnten gegen die Zerstörung des Regenwaldes. Anlässlich der Weltklimakonferenz COP30 im November 2025 in Belém traf Peter Neitzsch sie vor Ort zum Interview für das Fundraising-Magazin.
Nun steht Brasilien vor der Stichwahl um das Präsidentenamt.
Aus diesem aktuellen Anlass veröffentlichen wir das Gespräch erneut.
Frau Silva, was bedeutet Ihnen der Amazonas-Regenwald persönlich?
Der Amazonaswald hat mich sehr geprägt. Ich habe dort gelebt, bis ich 16 war. Der Wald war die Quelle alles Lebens, denn er hat die Menschen ernährt – auch meine Familie. Meine Eltern lebten von der Landwirtschaft und haben Kautschuk gesammelt. Der Wald zeigt uns, wie klein wir sind. Aber obwohl dem so ist, sind wir in der Lage, den Wald zu zerstören. Der Schutz des Waldes ist der Hauptgrund, warum ich mich politisch engagiert habe – zunächst in sozialen Bewegungen, später in der Politik.
Sie haben erst im Alter von 16 Jahren Lesen und Schreiben gelernt. Später studierten Sie Geschichte, wurden Senatorin und Umweltministerin – eine ungewöhnliche Biografie!
Ich konnte zwar erst spät lesen und schreiben, aber ich war immer wissbegierig und habe mich für die Kunst des Erzählens interessiert. Durch Erzählungen wurde Wissen über Jahrtausende hinweg weitergegeben. Das habe ich später in meinem Beruf als Geschichtslehrerin auch gemacht. Als Lehrerin glaube ich an das, was in jedem steckt. Leider haben viele Menschen nicht die Möglichkeit, ihr volles Potenzial zu entfalten.
Sie haben auch einen Abschluss in Psychoanalyse – hilft Ihnen das in der Politik?
Das hat mir schon oft geholfen. Politik lebt von Versprechungen. Aber durch die Psychoanalyse weiß ich, dass ich es nicht jedem recht machen kann und Menschen enttäuschen werde. Wenn man sich das bewusst macht, bewahrt das davor, zum Heuchler zu werden. Viele Menschen wundern sich, dass ich gläubig bin und trotzdem eine leidenschaftliche Psychoanalytikerin. Aber für mich ist das gar kein Widerspruch: Das spiegelt die Komplexität, in der wir leben.
Politischer Kampf gegen die Entwaldung
1995 wurden Sie mit 36 Jahren die jüngste Senatorin Brasiliens. Hatten Sie auch mit Vorurteilen zu kämpfen?
Da gab es auch sehr schmerzhafte Erfahrungen und unangenehme Begegnungen. Ein Journalist sagte mir einmal, dass es eine Tragödie wäre, dass eine Kautschuksammlerin zur Senatorin der Republik gewählt wurde. Später hat er sich für diese Aussage entschuldigt. Viele Frauen gehen durch einen Prozess der Diskriminierung, weil sie Frauen sind, aus der Armut stammen, als Schwarze oder Indigene. Die Pionierinnen haben einen hohen Preis für den Fortschritt gezahlt, den sie durch ihre Arbeit ermöglicht haben.
Sie wurden schließlich 2003 Umweltministerin im Kabinett von Präsident Lula da Silva – traten aber zurück, weil Ihnen der Schutz des Regenwaldes nicht weit genug ging.
Bereits in der Legislaturperiode 2003 bis 2008 gab es einen Plan, die Entwaldung des Amazonas-Regenwaldes zu stoppen. Dieser Plan trat 2004 in Kraft und war so wirkungsvoll, dass er heftigen Widerstand in den betroffenen Bundesstaaten hervorrief. Gemeinsam mit NGOs habe ich in meiner Rolle als Umweltministerin Druck auf den Präsidenten ausgeübt, den Plan nicht aufzuweichen. Schließlich bin ich deshalb sogar zurückgetreten. Dieser Schritt hat geholfen, den Druck aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig hat mein Nachfolger im Amt des Umweltministers, Carlos Minc, für Kontinuität gesorgt.
Der Amazonas im Zentrum der Klimadebatte
Seit 2023 sind Sie erneut Umweltministerin. Im November 2025 fand die Weltklimakonferenz COP30 in Belém am Amazonas statt. Warum hat Brasilien diesen Ort ausgewählt?
Belém war der richtige Austragungsort der COP30, denn der Amazonas-Regenwald steht auch im Zentrum der Klimadebatte. Hier kann niemand anzweifeln, wie dramatisch die Lage ist: Der Regenwald ist in den letzten Jahren so stark ausgetrocknet wie nie zuvor. Die COP im Herzen des Amazonasgebiets hat der Welt gezeigt, wie gefährdet dieses Ökosystem ist.
Wie dramatisch ist die Lage?
Leider haben wir bereits 20 Prozent der Waldfläche des Amazonas-Regenwalds verloren. Vergangenes Jahr ging erstmals mehr Wald aufgrund des Klimawandels verloren – durch Trockenheit und wilde Waldbrände – als durch Rodung. Verliert der Wald Feuchtigkeit, dann nimmt auch die Artenvielfalt Schaden, Flüsse trocknen aus und traditionelle Gemeinschaften werden isoliert, die durch die Wasserwege miteinander verbunden waren.
War die Klimakonferenz aus Ihrer Sicht ein Erfolg?
Die COP30 hat in einem Land stattgefunden, das eine große Tradition in der Einbindung der Zivilgesellschaft hat. Die Positionen der NGOs werden im Kabinett gehört und haben auch Eingang in die COP gefunden. Sie hat auch auf die Rolle indigener Völker beim Erhalt der Natur aufmerksam gemacht und diese einbezogen. Trotzdem hätte ich mir, wie viele andere auch, gewünscht, dass wir mehr erreichen.
„Wir arbeiten an strukturellen Lösungen, die Regierungen überdauern.“
Marina Silva
Sie sind also nicht zufrieden mit den Ergebnissen?
Letztendlich haben wir Fortschritte erzielt, wenn auch nur bescheidene: Mehr als 100 Länder haben sich festgelegt, wie sie ihre Emissionen bis 2035 reduzieren wollen. Andere wollen das noch tun. Allein das ist schon ein Erfolg für den Klimaschutz. Außerdem haben wir einen Fonds zum Schutz der tropischen Regenwälder ins Leben gerufen, der Länder unterstützt, die ihre Wälder erhalten und pflegen. Klar ist aber auch: Es sind noch viel größere Anstrengungen erforderlich, um die Erderwärmung tatsächlich auf 1,5 Grad zu begrenzen. Leider gibt es einige Länder, die ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen nicht erfüllt haben. Trotzdem ist es gut, dass wir das Pariser Abkommen haben, sonst würde sich die Erderwärmung bereits auf vier Grad zubewegen.
Ein Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Energien
Was muss noch geschehen, um beim Klimaschutz Fortschritte zu erzielen?
Diese COP30 hat gezeigt, dass unsere Bemühungen noch nicht ausreichen. Die weltweiten Klimamaßnahmen hatten bislang vor allem den Zweck, Zeit zu gewinnen. Aber wir haben keine Zeit mehr. Wir brauchen einen Fahrplan, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu überwinden – trotz aller Schwierigkeiten und unterschiedlichen Sichtweisen. Auch, wenn wir darüber auf der COP keinen Konsens erzielen konnten, bin ich mir sicher, dass viele Vertragsparteien und die Gesellschaft dieses Ziel unterstützen. Gleichzeitig müssen wir dafür kämpfen, dass die weltweite Entwaldung umgekehrt wird, und dafür auch die erforderlichen Ressourcen bereitstellen.
Muss nicht auch Brasiliens Regierung mehr machen, um den Amazonas-Regenwald zu schützen?
Die Entwaldung des Regenwaldes wurde bereits deutlich reduziert. Sie ist das vierte Jahr in Folge zurückgegangen und war 2025 so niedrig wie zuletzt 2014. Das konnten wir nur erreichen, weil Präsident Lula da Silva hinter dieser Agenda steht. Unser Ziel ist es, ab 2030 die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes vollständig zu stoppen. Das ist ehrgeizig, aber ich bin froh, dass wir uns dieses Ziel gesetzt haben.
Wirtschaftliche Anreize für den Erhalt des Regenwaldes
Wie wollen Sie das Ziel erreichen, die Abholzung auf null zu bringen?
Wir haben entschieden, dass für weite Teile des Amazonas-Regenwaldes keine neuen Landrechte vergeben werden, sondern dass diese Bereiche für die Natur und für indigene Gemeinschaften erhalten bleiben. Insgesamt wurden 50 Millionen Hektar als Naturschutzgebiete, Gebiete mit nachhaltiger Waldbewirtschaftung oder als Territorien für indigene Völker ausgewiesen. Außerdem unterstützen wir wirtschaftliche Anreize für den Erhalt des Regenwaldes – etwa durch Tourismus und nachhaltige Landwirtschaft.
Erst kürzlich hat Brasiliens Regierung Probebohrungen für Erdöl in der Amazonasmündung genehmigt. Wie passt das zu den Klimazielen des Landes?
Zunächst geht es um die Frage: Gibt es dort überhaupt Öl und von welcher Qualität ist das? Wir haben dazu Studien beauftragt, die mindestens noch drei Jahre dauern, bis wir die Ergebnisse evaluieren und in die Politik einfließen lassen können. Brasiliens Energiemix ist heute schon sauberer als in vielen anderen Ländern: 46 Prozent unserer Energie stammt aus erneuerbaren Energiequellen; beim Strom sind es sogar 90 Prozent. Wir produzieren viel Wind- und Solarstrom und betreiben zahlreiche Wasserkraftwerke.
Demokratie und Klimaschutz gehören zusammen
2026 sind Wahlen in Brasilien. Was sorgt Sie mehr: die Rückkehr einer rechtsgerichteten Regierung wie jener unter Ex-Präsident Jair Bolsonaro oder die Klimakrise?
Man darf beides nicht gegeneinander ausspielen: Wir müssen unsere Demokratie schützen und den Klimawandel aufhalten. Die Regierung Bolsonaro ist nicht nur verantwortlich für über eine halbe Million Corona-Tote, sie hat uns auch vier Jahre lang daran gehindert, das Klima zu schützen. Wir hatten die Entwaldung bereits drastisch gesenkt – von 27 000 Quadratkilometer im Jahr 2004 auf 4000 Quadratkilometer im Jahr 2012. Ohne die Bolsonaro-Jahre hätten wir die Zerstörung des Regenwaldes bereits heute auf null reduziert. Die Tragweite der Klimakrise geht über alle Wahlkampagnen und politischen Ereignisse hinaus. Deshalb arbeiten wir an strukturellen Lösungen, die Regierungen überdauern.
Zur Person
Marina Silva wuchs im Bundesstaat Acre, ganz im Westen des Amazonasgebiets, als Tochter von Kautschuksammlern auf. Sie engagierte sich früh in der Umwelt- und Gewerkschaftsbewegung und kämpfte für den Erhalt des Regenwalds. 1995 wurde sie Senatorin, von 2003 bis zu ihrem Rücktritt 2008 war sie erstmals Umweltministerin. Später kandidierte sie dreimal für das brasilianische Präsidentenamt. Von 2023 bis April 2026 leitete sie erneut das Ministerium für Umwelt und Klimawandel. Anschließend nahm die Politikerin der Partei REDE ihr Mandat als Abgeordnete wieder auf. Bei der Senatswahl im Oktober 2026 wurde sie nicht gewählt.